Haus in Malinmore 2018

Cait packte gerade ihren roten Ford, der abfahrbereit neben dem Zaun stand. Das Tor war offen, ich ging hinein, begrüßte sie. Sie war gerade auf dem Sprung, wollte für ein paar Tage in die Stadt, aber sie hätte noch ein wenig Zeit, für einen Tee. Sie bat mich hinein, wir setzten uns an den Tisch, tranken Tee, sprachen lange.
Das Haus schien kein Ort zu sein, um anzukommen. Hier gab es keine Möbel, keine Schränke, Schubladen, Truhen, in die man herumliegende und herumstehende Dinge hätte einräumen können. Sie lagen und standen offen, sichtbar auf dem Boden herum, als würde man, so kam es mir vor, in ein Gehirn hineinschauen, und den Gedanken beim Denken zusehen; so standen und lagen die Dinge in einer Art scheinbaren Ordnung zueinander, ohne dass Schranktüren und Schubladen sie verdecken und verstummen ließen.
Ob sich die Gegenstände in bergenden Fächern, Truhen und Schubladen wohler fühlen würden als ausgesetzt in der Weite des Wohnzimmerbodens, fragte ich mich? Doch so wie ich den Blick über die Dinge schweifen ließ, hatte ich nicht das Gefühl, dass sich etwas über seine Lage beschweren würde, ganz und gar nicht; recht wohl kam mir der elektrische Ofen vor, der an einer Seite des Sofas lehnte, Turnschuhe sich in seine Polster schmiegten, eine Torfzange, die unter einer Art schützenden Markise lag, einem Stoff, der aufgespannt aus einer Spalte hervortrat. Auch wenn die Dinge recht still im Raum herumstanden, so war es ein Raum voller Bewegung und je mehr ich den Blick schweifen ließ, desto mehr begannen die Dinge zu sprechen, sich zu bewegen, herumzutollen. Es war ein Haus der Haltlosigkeit. Und so war Cait, die kam, nicht lange blieb, ein paar Sachen packte und wieder los fuhr, wie jetzt, wo sie auf dem Sprung war, um für ein paar Tage in die Stadt zu fahren.
So, wie sie ankam und wegging, standen die Dinge auf dem Boden herum, regallos, schranklos, truhelos, aber doch in einer bestimmten Ordnung, in der sie sich zurechtfand, wenn sie beispielsweise vom Tisch aufstand und zum Herd ging, über herumstehende und herumliegende Dinge stieg, um den elektrischen Ofen herum, am Sofa vorbei, um schließlich am Herd das Wasser für den Tee aufzusetzen; kam dann auf einem anderen, doch ganz bewusst gewählten Weg wieder zum Tisch zurück. Als lägen den herumliegenden und herumstehenden Dingen eine für den Fremden nicht zu greifende, verborgene Ordnung zugrunde, eine Art Labyrinth, dachte ich mir, durch das sie ihre Wege fand, um vom Tisch zum Herd und wieder zurück zu gelangen. So ergab sich ein wechselseitiges Spiel zwischen der Landschaft, welche die herumstehenden und herumliegenden Dinge bildeten und dem Bahnen der Wege durch diese Landschaft hindurch.
Mittlerweile hatte sie den Tee aufgegossen, wir saßen am Tisch, sie drehte sich eine Zigarette. Wir sprachen über Hünengräber, Hügelgräber und rare Steintischgräber aus Vulkangestein.
Auf ihren Reisen durch das Land habe sie viel entdeckt. Sie kenne jede Region, war gefühlt überall und gleichzeitig noch nirgendwo gewesen, was sie antrieb weiterzureisen. Sie kannte die wenigen Stellen, an denen das Vulkangestein, das es tatsächlich in Irland geben würde, an der Oberfläche liegt. Gleich hier am Pier unten. Tief schwarzes Gestein, nicht leicht zu unterscheiden vom verwitterten Kalkstein und dem Schiefer, die auch dunkel seien. Aber das Vulkangestein sei wirklich tieeefdunkel und sie zog das tieeeef soooo lange, als würde sie vor ihrem inneren Auge tatsächlich einmal tief auf einen dunklen Grund hinunterschauen und dann wieder auftauchen, wie das Vulkangestein, das von den untersten Schichten der Lithosphäre hinaufgedrückt, an der Oberfläche sichtbar wurde; von unfassbarer Schönheit sei das Vulkangestein, halt auf seine Art. Oben im Dorf, sie zeigte hinauf in Richtung des Dorfes auf ein hellweiß strahlendes Haus, das ungefähr das nächstgelegene von dem Haus sein müsste, in dem wir gerade saßen. Dahinter, meinte sie, auf einer Weide, gäbe es ein Dolmengrab, aus tiefschwarzem Vulkangestein und sie zog wieder das tieeef… so ein Wort, das man schon lieben würde, wenn man in den Menschen verliebt sei, ein Wort, das etwas von innen durchscheinen lässt, bei dem man nicht genau weiß, was es ist, aber etwas mitbringt von dem, was dahinterliegt.
An einem Tag wie heute, an dem die Sonne heiß herunterscheint, was für diese Region äußerst selten ist, liegen die Schafe im Schatten des schwarzen Gesteins, tümmeln sich unter dem Dolmendach, ein schönes Schauspiel aus hell und dunkel, das sich dort abspielt. Ich sollte mir das unbedingt anschauen. Gleich hier hinter dem nächstgelegenen, hellweiß scheinenden Haus. Sie müsse jetzt aber los, hätte einen Termin in der Stadt, es hätte sie gefreut, komm doch mal wieder.