Zwischen den Dörfern 2018

Was sich in den letzten Tagen regelmäßig ereignet hat, ist ein Abendspaziergang durch das dunkle Dorf. Wenn es draußen dunkel ist, leuchten die Häuser von innen, beginnen aus dem Inneren zu sprechen. Ein Herd, ein Zimmer und noch ein Zimmer, darunter ein Keller, darüber ein Dachstuhl, umringt von Backsteinmauern. Das dreiteilige Haus, das vierteilige Haus und so weiter, spinnt sich fort bis zur Verwirrung, hinauf bis zum Turm der zweifelhaften Übersicht. Sind die Wände die Sprecher des Raumes? Ist die Küche das, was zwischen den Küchenwänden entsteht? Ein Bild an der Wand, es ist ein Scherenschnitt, blickt zum Fenster.

Die Hennenställe kommen mir vor wie in den Boden eingelassene Prismen. Speicher und Keller sind hier in ein einziges Erdgeschoss zusammengeschrumpft. Ich frage mich, ob auch sie mit einem Streifenfundament im Boden verankert sind, um bei all dem inneren Geflatter nicht den Kontakt zur Erde zu verlieren. Vor einem Jahr habe ich mich an dieser Stelle gefragt, wie es wohl wäre, wenn man einen Hennenstall mit einem Dach in Form des hyperbolischen Paraboloids ausstatten würde. Stützenlos, giebellos, firstlos, balkenlos. Ein Dach, das sich selbst trägt. Eine Form, die alle gegensätzlich wirkenden Kräfte in sich auflöst, also eigentlich einen recht passenden Charakter für eine Dachhaut hat, um zwischen unstetem Geflattere und Gegackere und der umliegenden Welt zu vermitteln. Mir schien diese Überlegung zuerst absurd, doch in der Zwischenzeit habe ich bemerkt, dass anderswo Haltestellenhäuschen und Park­überdachungen in den fantasievollsten Geometrien gegossen wurden, dass ich es mittlerweile wieder in Erwägung gezogen habe, über Hennenställe nachzudenken. (Auch zylinderförmige Treppengänge werden in Schalen gegossen. Wie auch sonst. Welcher Stuckateur würde einen Treppenaufgang mit vielkantigem Grundriss so verputzen, dass man am Ende meint, er sei zylindrisch konstruiert worden. Dann kann der Aufgang ja gleich in Schalen gegossen werden.)

Was den Träumer betrifft, er sieht im Dach das Zerteilen der Wolken.

Der Herd im Herzen des Hauses. Mit der Erfindung des Elektroherdes hat sich die Kochstelle vom Feuerofen gelöst. Sie ist nun in der Küche, während in vielen Häusern der Ofen in Form der Zentralheizung in den Keller gewandert ist. Meine Eltern haben sich damals mit dem Bau des Hauses für ein zusätzliches Heizen mit einem Kachelofen entschieden. Das Heizen mit einem zusätzlichen Kachel-, Speckstein- oder zumindest einem Holzofen ist in der Region üblich. Die Wälder liegen vor der Tür. Im Fall meiner Eltern hat sich der Architekt dafür eingesetzt, den Kachelofen in die Mitte des Hauses zu bauen, damit sich die Wärme zu allen Seiten im Haus verteilen kann, damit es auch oben, im Obergeschoss schön warm ist. Wenn man das Treppenhaus hinaufgeht, dann öffnet sich der größte Raum des Hauses. Man kommt geradezu unter das Dach, wo die Sparren auf dem First verweilen.

An der Terrasse sind einmal Risse im Mauerwerk entstanden, die auf eine falsche Berechnung der Stützlast zurückzuführen sind. Möglicherweise hätte ein zusätzlicher Stützbalken die Risse im Mauerwerk verhindern können, doch die vorgeschriebenen Toleranzen haben ihr Bestes getan, ein Auseinanderreißen der Backsteine zu verhindern. So sind die Risse bis jetzt geblieben.

35er Backstein, Hochparterrebau, Balken aus dem Vorarlberg. Was den First betrifft, der First endet im Giebel. Mit dem Schreibtisch bin ich in das alte Zimmer meiner Schwester gezogen; wenn ich aufblicke, sehe ich bei günstiger Wetterlage die Alpen, das Föhnfenster, das sich wie ein goldenes Band zwischen Alpenhauptkamm und Wolkenwand stemmt. Manchmal kommt der Föhnwind bis in den Hegau hinaufgeweht und überrascht den ein oder anderen Segler auf dem Überlinger See. Von drinnen, im Haus, meint man, es wäre ein sonniger Sommertag, doch dann fallen einem die kargen, blätterlosen Bäume auf, Schneeinseln im Gras und wenn man vor die Tür tritt, wird einem schnell klar: Es ist ein eisiger Wintertag.

Ich frage mich, was das Dorf für eine Bedeutung hat und was es heißt, in der Stadt zu leben. Das Haus auf dem Land ist etwas ganz anderes als das Haus in der Stadt. Und doch ist beides ein Haus. Der Blick aus dem Fenster auf das Land ist ein ganz anderer als über die Dächer in den Wedding. Und doch war auch der Wedding einmal ein Dorf. An der Panke gab es eine Mühle und nach ihrem Besitzer ist die Müllerstraße benannt.

Vielleicht ist das Pendeln zwischen den Dörfern, dem Dorf auf dem Land und dem verborgenen Dorf innerhalb der Stadt notwendig. Das Losesein und das Verlorensein in einem All. Die Wände geben Halt und halten warm und es gibt Fenster an denen man steht, um zu verstehen, und Türen, durch die man geht, um verstanden zu werden.

Wie der Mahlstein der Weddinger Mühle einmal vom Strömen der Panke angetrieben wurde, so hat die alte Mühle in Volkertshausen ihre Energie aus der Aach gezogen. Aus dem Erker im Wohnzimmer kann man die Mühle sehen und vor ihr die Aach hinter den Büschen erahnen. Und wenn man sich fragt, woher die Aach ihre Energie hat, dann hat man einen ganz schön weiten Weg vor sich. Zwar entspringt sie im gleichnamigen Nachbardorf Aach, doch hinter ihrer Quelle verbirgt sich ein Labyrinth aus Wasserläufen, deren Eingang erst zwölf Kilometer nördlich im Luftkurort Möhringen bei Tuttlingen zu finden ist, wo nämlich die Donau versickert. Die Aach ist also ein kleines Verbindungsflüsslein, welches das Schwarze Meer – wohin die Donau mündet – über den Bodensee und den Rhein mit der Nordsee verbindet, und damit eine lohnenswerte Abkürzung am Mittelmeer und dem Atlantik vorbei ist.

Donaumündung am Schwarzen Meer
–› Rheinmündung in der Nordsee (Luftlinie): 1 980 km

Rhein: 1 233 km
Bodensee: 16 km
Aach: 32 km
Donau: 2 860 km
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Σ 4 141 km
Schwarzes Meer – Mittelmeer – Atlantik – Nordsee: 9 782 km
Ersparnis: 5 641 km
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Zwar gibt es bei Hornbach auch für Kellerfenster eine große Auswahl, Dauertiefpreis und 30 Tage Rückgaberecht, doch wenn ich mir beim Spazieren die Häuser so anschaue, dann fällt mir auf: Einige Häuser besitzen keinen Keller und viele Häuser, die einen Keller besitzen, haben keine Fenster – dort, wo man ein Kellerfenster erwarten würde. Folglich bleibt eine kleine Zahl von Häusern übrig, deren Keller Fenster besitzen. Jedenfalls, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, gehört das Haus meiner Eltern zu jener Seltenheit, das neben all den kellerfensterlosen Häusern Kellerfenster besitzt. Es ist nämlich ein Hochparterrebau. Aufgrund der selten drohenden, aber doch zu berücksichtigenden Hochwassergefahr und einem verhältnismäßig hohen Grundwasserspiegel wurde meinen Eltern zu einem Hochparterrebau geraten. Allen Häusern, die in Sichtweite der Aach gebaut werden, wird von einem ebenerdigen Bau abgeraten, es sei denn, es liegen besondere Gründe vor. Zu der Zeit, in der das Haus gebaut wurde, hat man in der Region die Uferbegradigung, welche im neunzehnten Jahrhundert zur Optimierung der landwirtschaftlichen Nutzfläche durchgeführt wurde, rückgängig gemacht. Mit der Renaturierung der Aach ist die Hochwassergefahr deutlich gesunken, weshalb die Wahrscheinlichkeit für ein mögliches Hochwasser zwar gegeben, dies aber in den letzten Jahrzehnten kein einziges Mal eingetroffen ist. Es war schon immer ein besonderes Anliegen der Architektur, auch unwahrscheinliche Naturereignisse in ihrer Planung zu bedenken. Zu oft wurde sie in der Geschichte von unerwarteten Turbulenzen überrascht, die einem Turm den Helm kosteten oder eine Hängebrücke aus ihren Verankerungen riss. Und so hat der Architekt des Hauses sich dafür entschieden, das unwahrscheinliche Übertreten der Aach in Form des Hochparterrebaus in seiner Planung zu berücksichtigen. Unser Keller hat also Fenster.